Brasilien . Juli / August 2012

 

Brasilien steht nach dreieinhalb Jahren mal wieder an.

Mein Projekt DESKXISTENCE hat mit dem Ende der Suche nach weiteren Tischen einen Punkt erreicht, an dem keine wirklich neuen Erkenntnisse zu erwarten sind. Also gilt es, die nächsten Schritte/Projekte anzugehen, allen voran das Projekt UNURBAN SURFACES; denn es entwickelt Fragen von DESKXISTENCE weiter. (Konzept siehe Downloads bei den PDF)

Ich habe in den letzten Jahren zu viele angeblich ortsspezifische Installationen von den Stars und Sternchen des Kunstbetriebs gesehen, die für das Team, den Künstler/in und die Produzenten auf den Bildschirmen brilliant aussahen, sich aber vor Ort in keinen Bezug zum Umraum setzten. Dieser Gefahr möchte ich entgehen, indem ich für UNURBAN SURFACES zur Recherche erst mal an den Amazonas fahre, um eine eigene Beziehung dazu herzustellen, nicht eine über Medien vermittelte. Aus dieser Erfahrung will ich versuchen, eine Installation zu entwickeln, die das Potential hat, neue Erkenntnisse zunächst für mich - hier bin ich ganz egoistisch - zu generieren, die ich dann auch gerne wieder in Arbeiten einfließen lasse, die sich dem Interessierten auf dem “Marktplatz der Polis” zur Betrachtung, Diskussion und Auseinandersetzung präsentieren.

Eine erste Präsentation wird es im Kunstverein Neckar-Odenwald in Mosbach im Alten Schlachthaus am 16. September geben. Ich freu mich auf die Zusammenarbeit mit Ulrike Thiele, die die Ausstellung kuratieren wird und Ludwig Seyfarth, (siehe Downloads), der die Kontexte und Bezüge in seinem Text zur Eröffnungsrede herstellen wird.

Aber so wie ich Mosbach kenne, wird es da noch mehr Kooperationen geben. Das wird ne richtig spannende und gute Sache.

Aber das ist nicht der einzige Grund weshalb ich nach Brasilien fliege. Ein weiterer ist, dass es großes Interesse an einer Ausstellung mit Deskxistence in Sao Paulo gibt und an Lehrtätigkeit durch mich von Seiten der Universidade Federal de Pelotas in Südbrasilien.

 Also es gibt viele Gründe und wird ein voll gepackter Monat werden.

 

P.S.: Ich gehe davon aus, dass der Leser in der Lage ist, wenn ich z.B. vom Städter  schreibe, einer Person, die in diesem Falle den maskulinen Artikel hat, soweit zu abstrahieren, dass damit auch die weiblichen Personen gemeint sind. Die deutsche Sprache wird nicht politisch korrekt, indem man ein “In“ anhängt.

 

25.Juli

Bei 35°C  entspannt im Park sitzen und zuschauen, wie die Jungs um die Mädels buhlen,so stellt man sich doch Brasilien vor. Eigentlich bin ich da ja jetzt schon, wenn ich nicht in einem schönen Vorort von Paris wäre. Gestern Morgen war Sao Paulo noch viel näher als Paris. Aber die Airlines, sie stehen ja alle unter einem ziemlichen ökonomischen Druck und da macht man eben das Flugzeug etwas voller. Nur wenn dann mehr kommen als Platz haben, dann müssen ein paar auf der Strecke bleiben.  Dazu gehörte ich gestern. Schließlich wäre es für British Airways billig gewesen, wenn ich auf ihr Angebot, mir einfach den Kaufpreis zu erstatten, eingegangen wär. Sie erklärten, das Problem würde auch die nächsten zwei, drei Tage bestehen. Nein, nicht dass BA nach London überbucht habe, nein Iberia hätte die Flüge nach Sao Paulo gestrichen.

Alles Quatsch, wie Stefan Husemann vom Ticket Terminal mir versicherte, BA will sich nur um die Ersatzleistungen drücken. Er hat wirklich einen guten Job gemacht. Ohne ihn könnte ich jetzt überhaupt nicht die Sonne im Park genießen. Und wäre vom diesigen Fernsehturm aus Berlin zum diesigen Eifelturm gekommen

Ein guter Agent und ein Ausdruck von Fluggastrechten bewirken manchmal Wunder.

  BA hat umgebucht auf Lufthansa und Air France. Berlin - Paris war perfekt, aber nachdem mir heute beim Frühstück die Glaskaffeekanne kaputt ging,  hatte ich schon Befürchtungen. Und siehe da, auch Air France hatte überbucht. “Je suis très désolée…”

 Nun soll es heute Nacht weiter gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

29. Juli

der herzliche, tolle Empfang von Freunden sowie erste sehr positive Gepräche in Sao Paulo machen den stressigen Reiseauftakt vergessen.

Der Sicherheitscheck für den Flug nach Porto Alegre liegt hinter mir. Von dort wird es mit dem Bus gleich weiter nach Pelotas gehen und ich freue mich auf die Caipirinha mit den Freunden dort heute Abend.

Auch wenn ich erst mal in die andere Richtung fliege, rückt der Amazonas näher.

Das Hotel in Manaus ist gebucht und eine Pousada 180 km den Rio Negro aufwärts von Manaus. Ich werde in Manaus von E.: Candotti, dem Leiter des Amazonas Museums MUSA erwartet.

Im Vorfeld gab es schon immer wieder Gespräche bezüglich des Amazonas. So besuchte uns B. kurz vor meinem Abflug in Berlin, der berichtete, dass er ganz in der Nähe von Porto Alegre Tiefseebiologie studiert hatte, dann nach Amazonien ging, um ein halbes Jahr später das Studium aufzugeben.

Auf einer Vernissage in Sao Paulo hatte ich einen Künstler getroffen, der einer Soldatenfamilie entstammt. Er kannte Manaus aus der Perspektive seines Bruders, der dort Offizier war. Derzeit weilt dieser in Venezuela, um sich in der Disziplin des Umgangs mit der Artillerie im Urwald ausbilden zu lassen. Gestern erzählte mir ein anderer Freund, dass er drei Wochen an einer Forschungsstation mitten im Amazonas-Regenwald war. Er hatte dort einen Auftrag für eine Mode- Firma angenommen. Was er dort genau machte, weiß ich nicht, aber er war besonders beeindruckt von den Stechmücken und darüber wie zerstochen die Forscher nach einer Woche aus dem Wald zurück kamen. Und das eintönig schlechte Essen in der Station, war ihm lebhaft in Erinnerung geblieben. Es hätte jede Menge Fische im Fluß gegeben, aber sie hätten nicht die Erlaubnis gehabt, diese zu fangen oder sonst Nahrung aus dem Wald zu holen. Die Menschen hätten auch lieber möglichst weit ihre Hütten in den Fluß gesetzt, um sich dem Wald fern zu halten, als sich ihm auszusetzen.

Und last but not least, hab ich den soeben fertiggestellten Film über Schamanismus von Stella und Laymert Garcia dos Santos gesehen. Zuerst merkte ich, dass ich keine richtige Lust hatte einzusteigen und irgendwann war ich drin, wurde vom Klang der Stimmen und der Dramatik der Bilder mitgerissen und plötzlich war die Stunde rum und ich total geschafft. Was mir durch den Kopf schoss, war, dass es etwas völlig anderes ist, ob Drogen in der Gemeinschaft zelebriert oder in unserer individualisierten Gesellschaft als reines Genussmittel konsumiert werden. Absurd, dass man Drogen einfach so generell verbieten kann. Wie hoch schwappen die Wogen wegen der Beschneidungsgeschichte. Drogen und Kult gehören seit Jahrtausenden zusammen.

Das hat beim Verbot der Drogen in Europa und den USA aber diesbezüglich keine Fragen aufgeworfen.

Wahrscheinlich ist die Macht des Profites, der gerade wegen des Verbotes generiert werden kann, kaum zu brechen. Ein Bürgerkrieg wie in Mexiko oder Rio de Janeiro wird billigend in Kauf genommen. Christiane F, “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” ist nicht tot zu kriegen, während das Versprechen der Droge Schönheit, von der die blonde faschistoide Priesterin Heidi Klumm so geschickt und perfide  in Kult verwandelt wird, dass dem Gott  Markt ohne großen Widerstand 0,1 % der Mädchen von jedem Jahrgang in Deutschland geopfert werden, indem sie an Magersucht verrecken. Junge Mädchen/Jungfrauen aus guten Familien wurden seit jeher den Göttern geopfert. Warum soll das in Deutschland anders sein als in archaischen Gesellschaften? Die Götter haben eben andere Namen.

31 JUli

alle haben mich beneidet, wenn ich sagte, dass ich nach Braslien fliege.

Nun sitze ich bei feuchten 4°C Nachttemperatur in einem kalten Studio mit einem kleinen Radiator im südbrasilianischen Winter im Bett.  Zum Glück gibt es warmen Decken.  Ich könnte in Berlin auf unserem Südbalkon in der Hängematte liegen und Caipirinha trinken. Aber nein, ich studiere das über 300 Seiten starke Werk einer Gebrauchsanweisung für die neuen Kamera.

Ich habe jede Menge Papier, Stifte, Pinsel, Tusche, Farbe dabei. Ich könnte also meine Fertigkeiten in den Disziplinen Zeichen und Malen wieder in Schwung bringen. So was verlernt man zwar nicht, aber so einfach aus dem Stand erreicht man meistens keine Höhenflüge. Aber nein, ich studiere Gebrauchsanweisungen. Ich bin eben ein Kind meiner Zeit. Ich rüste technisch auf und auf, der neue Rechner ist besser als der alte. Er ist super schnell und dennoch kommt man nicht überall ins Internet und wenn, dann macht der das Netz auch nicht schneller. Die neue Kamera, was die alles können soll, die Kamera…  aber was die Kamera kann, kann noch lange nicht der “User”, und wer will im Anbetracht dieser Möglichkeiten schon gerne als “Looser” vom Platz gehen. Also heist es studieren im kalten Pelotas und das, was Spaß machen würde, zB zeichnen auf später verschieben.

In meinem Kommentar zur d13 hab ich geschrieben: “Vieles, was uns auf der d13 gezeigt wird, ist handwerklich so schlecht, dass es einer schriftlichen Ergänzung bedarf, nicht um den Kontext zu erklären, sondern das, was es darstellen soll. Ich komme mir vor wie in einem Konzert, bei dem zuvor Zettel ausgeteilt wurden, auf denen steht, wie die Musik gemeint ist und eigentlich klingen soll, da die Musiker nicht in der Lage sind, sich musikalisch verständlich zu machen.

Ich denke also:“ Ottjörg aufgepasst, dass Du nicht vor lauter neuen Medien und digitalen Möglichkeiten und deren Studium Dich nachher genauso vergeigst.“

 

 

 

 

 

 

 

 

5. August,

Wieder mal Flughafen, diesmal Rio de Janeiro und warten auf den Anschluss nach Manaus.

Gestern, so wie die Tage davor, immer die gleiche Reaktion, wenn ich jemanden im Süden Brasiliens sagte, dass ich nach Manaus fliege: “na viel Spaß!”

Auf meine Nachfrage, was verkehrt sei mit Manaus, erhielt ich die stereotype Antwort:

Es ist heiß und feucht und die Natur sei nichts für den Menschen. Einige meinten, sie hätten in ihrer Kindheit keinen Strom zuhause gehabt und kein WC, also das bräuchten sie nicht noch einmal. Und was das Abenteuer und die Wildnis angehe, da könne man auch einfach in die Favela nebenan gehen, da wäre die eigentliche Wildnis.

Es gab dann doch ein Zugeständnis: Manaus, gut das ist eine Stadt wie ihr sie in Europa nicht habt.

Nun gut, ich bin also gespannt, ob und was sich jenseits unserer Zivilisation und meiner Vorstellung von Wald auftut oder verschließt.

8. August

Parallelschnitt:

Gewitterwolken ziehen sich zusammen, Wetterleuchten über den Wäldern. Mein Koffer, groß, schwer aber nicht tropentauglich, mit dem ganzen Material zum Arbeiten, liegt auf dem Dach eines Schnellbootes, das über den Rio Negro peitscht und an allen möglichen und unmöglichen Stellen anlegt, um Leute von Bord gehen zu lassen. Von der angegebenen Zeit her sollte das Boot jetzt um 18 Uhr in Novo Airao sein.

Es beginnt dunkel zu werden. In einer halben Stunde wird es stockfinster sein. Das Boot hat weder Bordbeleuchtung noch Radar, also gehe ich davon aus, dass wir vor Dunkelheit ankommen. Die Wolken ziehen sich weiter zusammen. Eigentlich könnte es großartig sein, ein Ort um entspannt den lauen Fahrtwind des Amazonas zu genießen. Ich habe Platz genug und mich an das Schaukeln gewöhnt. Schwimmwesten gibt es genug, für den Fall, dass das Boot von einer Gewitterböe erfasst wird und die unvertäute Ladung verrutscht. Und hoffentlich gibt es keine Piranhas im Wasser.

Ich vergegenwärtige mir meinen Kofferinhalt und was wohl sein wird, wenn ein Starkregen darauf prasselt. Beruhigend ist, dass ich auf Grund der zu erwartenden hohen Luftfeuchtigkeit das meiste in Plastikbeuteln habe. Also auf diesem Feld gibt es somit  etwas Beruhigung. Inzwischen ist das Wetterleuchten das einzige, was gelegentlich den Blick über das Wasser frei gibt. Der Motor wurde gedrosselt, der Suchscheinwerfer eingeschaltet. Er tastet die Umgebung ab. Das Boot schiebt sich zwischen Gebüsch und Baumwipfel langsam eine enge Fahrrinne entlang, sitzt vorne leicht auf und es gehen wieder ein paar Leute von Bord. Beim Achterausfahren, also rückwärts,  rammt das Boot eine Baumkrone, kommt aber leicht wieder frei. Das Boot donnert weiter auf Sicht über das schwarze Wasser. Ich bin froh, dass der Fahrer vorhin die Whiskey-Flasche, die in der Crew kreiste, abgelehnt hat. Ganz hinten ist die Kabine beleuchtet, so dass das Boot zumindest von anderen gesehen werden kann. Ich ziehe mir mal sicherheitshalber eine Schwimmweste an, packe die schwere Kamera vom Gürtelhalfter in den Rucksack, um im Falle eines Falles weniger Gewicht zu haben. Wir landen wieder an. Auch hier kein Steg, aber Straßenbeleuchtung und so etwas wie eine Schule. Wir sind eine Stunde über der Zeit. Ich frage, ob das Novo Airao ist. Ein Crew- Mitglied erklärt irgendwas von erster Station. Er weiß jetzt zumindest, dass ich da raus will und muss. Es fängt leicht an zu regnen. Die Fenster werden mit einer dicken, roten Plane verhängt und es polter auf dem Dach. Ich bin nicht entspannt. Ich denke, naja sind ja nur materielle Werte. Wieder steigen Leute aus, aber der Regen scheint sich in Grenzen zu halten. Viertel vor Neun legt das Boot an einem kleinen Hafen an, der Motor wird abgeschaltet und man drückt dem Fahrer beim Aussteigen das Fahrgeld in die Hand.

Das Dach ist total leer.  Von hinten wird gedrängelt, dass ich auf die Mole steige. Ich frage einen relativ jungen mit Gitarre, ob er Englisch spricht, aber es ist aussichtslos.

“Bagagem?” sage ich mit fragendem Blick, “Bagagem?” Ich versuche zu verstehen zu geben, dass es sich um einen Koffer handelt und siehe da, sie hatten ihn ins Schiffsinnere gepackt und ein netter junger Mann ist so nett und zeigt mir mit schnellem Schritt bergauf bei einer Luftfeuchtigkeit von ??? den Weg zur Pousada “Bela Vista”. Gott sei Dank ist es nicht weit. 

10. August

Ist es ein Zufall, dass ich hier, in der Pousada, mit Blick auf den Rio Negro mitten im Regenwald “Auf der Suche nach dem Gedächtnis” von Eric Kandel lese. Das Buch hat er anlässlich seiner Nobelpreisverleihung für Physiologie und Medizin geschrieben?

Er geht von der Frage aus, wie kann es sein, dass er sich immer noch an ein Spielzeugauto aus seiner Kindheit erinnern kann, obwohl er es nur wenige Tage, nachdem er es bekommen hat in Wien an die Nazis verloren hat. Er begann Gedächtnisstrukturen an einer Meeresschnecke zu untersuchen, - der  Simplizität ihres Nervengewebes wegen – die sich auf den Menschen übertragen lassen. Die Stofflichkeit der Nervenzellen von Schnecke und Mensch sind nahezu identisch.

Ich frage mich, ob der Fluss und Wald ein Teil unserer Geschichte, unseres Gedächtnisses? Sind wir ein Teil des gesamten neuronalen Systems oder Netzwerkes dieser Erde?

Wenn dem so wäre, wie sind dann die Zusammenhänge, die Verknüpfungen? Wenn der Urwald verschwinden würde, wäre das mit Schädigungen im Gehirn vergleichbar, mit der Zerstörung einer Gehirnregion? Auf alle Fälle wäre es der Verlust eines Teils von Erde auf das man dann nicht mehr bewusst oder unbewusst zugreifen kann. Es wäre schon, wie wenn ein Stück Erinnerung gelöscht wäre.

Damals als ich bei Szymanski und Hrdlicka  figurativer Bildhauer studierte, war Prof. Szymanski immer mit Tektonik, mit Stabilität beschäftigt. Da ich mich eher dynamisch denn stabil in der Welt zwischen Peking, Berlin St. Petersburg und Wien erlebte, war diese Tektonik  nicht mein Anliegen und Rolf Szymanski nicht nur für mich ein schlechter Lehrer.  Er konnte sich nur und ausschließlich mit seinem eigenen Baukasten beschäftigte.

Entität als Prinzip des menschlichen Körpers schien mir immer ausschließlich als plastische Skulptur zu existieren. Gott oder Demiurg  der den Menschen materiell formt und ihm dann durch das Einhauchen des göttlichen Atems zum Leben erweckt, ist ein schönes Bild, aber auch nicht mehr. Eine Seele, sei sie von Gott eingehaucht, aus einem Pool von Seelen auf die Erde zurückgekehrt oder aus einer wie auch immer gearteten seelisch göttlichen Ganzheit gekommen, schien und schient mir bis heute ein suspektes Konzept, nicht minder ein sich selbst denkender Geist. Es könnte ein narzisstisches Konzept sein, um die Distanz zwischen Bewusstsein und den geistigen Fähigkeiten auf der einen Seite und deren beschränkte Einflussnahme auf die materiell gegebenen Grundlagen auf der anderen zu überbrücken.  „Mens sana in corpore sano!“ (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper)musste ich im Lateinunterricht lernen und erlebte, dass bei einer schweren Darminfektion kein Mens sana, kein gesunder Geist, geschweige denn eine sensible Seele aufzufinden ist, sondern alleine die Sehnsucht entweder bald wieder gesund zu werden  oder möglichst schnell zu sterben. Es soll einfach nur aufhören.

Die Brüchigkeit, oder besser, die gebrochenen Kraft in den Torsi von Alfred Hrdlicka, meinem zweiten Lehrer, die geballte Faust beispielsweise, des Sklaven, die zusammen mit dem Arm an ein Pendel erinnert, dem die Schulter fehlt und somit keinen Bezug mehr hat zum restlichen Körper, war mir nachvollziehbar, wenn auch nicht mein Thema. Die Frage der Grenze des Menschen, in seiner subjektiven Körperlichkeit, als biologisch, chemisch, elektrisches System beschäftigte mich.  In der Auseinandersetzung mit der figurativen Skulptur und Druckgrafik interessierte mich nicht die handwerkliche Perfektion. Darin hatte ich mich bei meiner Meisterprüfung im Schreinerhandwerk abgearbeitet.

Ich wollte meine Vorstellung des Menschen als ein offenes System veranschaulichen.

Dass im Darm Bakterien leben und diese für die Verdauung notwendig, lernt man im Biologieunterricht und die Bakterien in der Achselhöhle sieht man ganz deutlich in der Werbung.

Ich war dankbar, als mein Großvater starb dabei sein zu dürfen. Wenige Zeit nachdem das Herz und die Atmung ausgesetzt hatten, wurde er gewaschen und rasiert. Als ich 3 Tage später in der Leichenhalle endgültig von ihm Abschied nahm  hatte er einen Zweitagebart.

Oder der Ton, die Stimme, wie lange ist sie meine? Nur in meinem Körper? Im Raum? Im Gehörgang eines anderen, dieseits oder jenseits des Trommelfells. Der Mensch als abgeschlossenes einheitliches System ist für mich in sich mit meinem Erleben nicht schlüssig.  Somit setzte ich mich während des Studiums mit aufgerissenen schalenförmigen figurativen Gebilde aus Materialien, mit denen sich der Mensch im Alltag umgibt, wie Beton,  und Gaze und Einkaufswagen auseinander. Ein befreundeter Psychotherapeut fragte mich damals, wo denn die Seele in meiner Arbeit sei.

Hier am Rio Negro zucke ich zusammen als E. meint es müsste doch das Ziel sein dass die Menschliche Seele der Seele des Waldes begegnet. Ich habe nicht den Mut diese Frage auszudiskutieren, denn unsere Bekanntschaft/Freundschaft scheint mir noch nicht gefestigt genug, um in einer mögliche große Differenz in dieser Sache zu bestehen. Ich glaube das Prinzip Seele ist ein menschliches und hat mit Regenwald nichts zu tun. Hier in Amazonien scheint alles schneller zu wachsen und schneller zu verwesen oder verwertet zu werden. Dennoch gibt es Bäume, die weit über hundert Jahre alt sind, alleine stehen, aber ein ganzes Ökosystem bilden. Die Urwaldriesen wären ohne das übrige System nicht überlebensfähig. Es scheinen sich Formen von Leben erhalten zu haben, die es gab, lange bevor sich der Mensch über den Erdball auszubreiten begann, also doch eine Art Gedächtnis.

Während ich das alles beobachte und beschreibe, verändern sich die Neuronen in meinem Gehirn und somit mein Gehirn. Der Regenwald wird zu einem Teil meines Gedächtnisses. Und wie ist das umgekehrt? Hinterlasse ich irgendeine Spur dort im Wald?

Wenn ich dort im Wald eine Installation mache und sie dort hinterlasse, bleiben Spuren. Was bedeutet das für den Wald, was können sich daraus  für Reflektionen über den Wald und die Verknüpfung mit der urbanen Welt ergeben?

 

12. August

Als ob ich eine Bestätigung für mein Projekt “Unurban Surfaces” gebraucht hätte, ,,die Sehnsucht des Schülers nach dem jenseits der schulischen/städtischen Regeln” sind die übrigen Gäste, die für länger im Hotel eingebucht sind, zwei Abiturienten aus Bonn.

Ein Schüler (E), etwa 16, aus München, war bis gestern täglich hier. Er besucht zum fünften Mal seinen Vater während der Sommerferien.  Heute ist er auf Vaters Schiff für 12 Tage  mit anderen Touristen den Amazonas hoch geschippert.

Jetzt müssen sich die Abiturienten alleine beschäftigen. Sie haben sich heute morgen auf der tollen Veranda mit super Blick über den Fluss im Fernsehen einen Tierfilm über Löwen reingezogen und erzählen von anderen, über Erdmännchen und Elefanten, die sie hier schon gesehen haben. Gibt es einen besseren Ort sich Tierfilme anzusehen, als hier mitten im Urwald? Sie haben eine Runde Billard gespeilt im Pool geplantscht und jetzt sind sie bei der Polizei, weil am WE, als hier die Pousada richtig voll war, ihre alleingelassenen Kamera und I Pod verschwunden sind.

“ Die Welt ist doch hier noch richtig in Ordnung” sagte N einer der Abiturienten vorgestern.

Da war E noch da und hatte sein Aluboot mit Außenborder zur Verfügung. Er hatte immer von den Wäldern vorgeschwärmt, in die man wegen des hohen Wasserstandes reinfahren kann. Er meinte Über mehrere Tage meinte er immer wieder, wir könnten mit seinem Boot mal zusammen raus—bzw. in die Wälder rein fahren.

Aber man merkte auch eine gewisse Unsicherheit, was verständlich ist. Er kennt sich zwar besser aus hier als wir, aber das bedeutet ja nicht viel. Heute an seinem letzten Tag vor der Tour will er es wagen. Zumindest ist er losgegangen das Boot zu holen. Nach einer halben Stunde ist er wieder da ohne Boot und wir gehen zum Hafen. Er versucht den Motor zu starten. Zum Glück kommt gerade ein Bekannter vorbei, der ihm den Motor anschmeißt. Es ist inzwischen halb vier und nun kann es aber richtig losgehen und wir zischen mit dem Boot über das ruhige Wasser.

 Auf der anderen Seite, die aber nicht die andere Seite des Flusses, sondern nur eines Flussarmes ist, also ein paar Bäume halten ihre Kronen aus dem Wasser, fahren wir diese Bäume ab. Wir wollen in den Wald hinein. Wir sind inzwischen auf der Rückseite der Bäume und es will sich keine Lücke zeigen. Also überqueren wir das nächste Wasser zu der nächsten Baumgruppe. Eine Art Enge zwischen Bäumen, lässt uns in einen weiteren breiten Kanal fahren und wir sehen ein anderes Boot im Wald verschwinden. Aber wer will schon einem anderen Boot hinterher fahren.  Es gibt eine andere kleine Lücke  und das ‚Boot gleitet in den Wald. Der Motor wird abgestellt. Wir schieben, ziehen paddeln durch die Bäume, stecken mit dem recht schwerfällige Boot fest. Wir kommen wieder frei und das Spiel beginnt von vorne. Wir nehmen Kurs auf die Fahrrinne, die das andere Boot genommen hat und kommen schließlich glücklich und schweißgebadet dort an.

Es ist wunderbar, Riesenbäume mit Lianen. Die Sonne kommt an der einen oder anderen Stelle durch. Es wird geraucht  und gechilled, wie das wohl in der Fachsprache heißt. Das Boot liegt zwischen Bäumen leicht schaukelnd im Wasser. Langsam paddeln wir weiter und kommen auf der anderen Seite aus dem Wald und vor uns öffnet sich ein weiterer Breiter Fluss. Der Abend kündigt sich an. Das Boot, das zuvor in den Bäumen verschwunden war kommt zurück und E kennt den Skipper. Dieser schwärmt uns von einen großen See vor, der, wenn wir weiter fahren würden bald auftauchen wird. Der Motor wird angelassen und das Boot zieht mit hoher Geschwindigkeit zwischen den Baumkronen den Fluss entlang aber der See will und will nicht kommen.

Also drehen wir ab und beschließen umzukehren. Plötzlich geht der Motor aus. E meint der Sprit wäre alle und wir müssten zurück paddeln, was eine Rückkehr nicht vor dem Morgengrauen bedeuten würde. N. stellt fest dass der Tank nicht leer ist. Es  wird, da die Sonne schon recht flach steht nochmals gechilled und geraucht und die Vögel sind wunderbar am von der Sonne und den Gewitterwolken rot gefärbten Himmel.

Es wird dunkler und jetzt gilt es alles daran zu setzen, den Motor wieder in Gang zu bekommen, was nach einigem Mühen auch gelingt. Es ist nahezu Nacht als wir den Wald erreichen und fahren in ein schwarzes Loch.Das was an Licht an Bord ist, ist ein LED von einem Smartphone.

 Es ist spürbar, dass die junge Besatzung nervös wird. E meint immer wieder, na dann ruf ich halt meinen Vater an. Und ich denke, wie will der uns hier mitten im Wald finden. Wenn wir nur 10 oder 20 m neben der Fahrrinne sind und der Handy Akku leer ist, ist das aussichtslos. Im Film sieht das immer so easy aus, wenn sie ein Handy punktgenau finden. H fällt mir ein, bei dem auf einer Managerfortbildung eine Bootfahrt auf dem Programm stand. Ein Kollege schrieb später:“they put us in a life threatening situation.“da es zu Gewittern anfing.

Also es gibt für mich zwei Möglichkeiten, entweder wir finden glücklich hier raus, oder wir müssen halt 12 Stunden warten, bis es wieder Tag ist.

Aber noch scheint es, dass wir nur gelegentlich neben der knapp zwei Meter breiten Fahrrinne zwischen die Bäume fahren und es bislang immer rechtzeitig gemerkt haben. Nach einer ganzen Weile und mehreren Manövern, meldet der man am Ausguck mit der Händilampe dass sich eine Art leicht helleres Tor abzeichnet. Wir haben also Glück , puhhh ...wir sind aus dem Wald raus. Jetzt erst mal tief durchatmen. Da navigiert E das Boot Richtung Steuerbord. Zum glück bin ich mir mit den anderen einig, dass wir von Backbord gekommen sind und kurz darauf passieren wir auch die Enge zwischen den Baumkronen. Jetzt meint E kenne er sich wieder aus und als wir die Baumgruppe auf der anderen Seite des Flussarmes umfahren haben, tauchen auch die Lichter von Novo Airon auf. Inzwischen gibt es leichte Wellen von den Gewitterböen, so dass das Boot über das schwarze Wasser peitscht.

 

14. August

Jeden Abend um 10 bin ich tot müde und könnte auf der Stelle einschlafen. Vielleicht liegt es auch daran, dass, wenn man zwei Mal den Arm hebt schon Schweiß gebadet ist. 

Egal, für mich beginnen sich die ersten Dinge zu klären. 

Ich habe heute eine ganze Reihe Fotos von Formen und Anordnungen z.B. Blättern und Blütenständen gemacht und denke, da werde ich noch ein wenig dran bleiben. Diese Fotos könnten von meinem Gefühl einen Block geben, aus dem ich, dann mit Zeichnungen ergänzt, Strukturen akzentuiert werden, die eine Grundlage für die Form der Installation hier im Wald geben. 

Des Weiteren hab ich eine Reihe kurzer Videoaufnahmen gemacht, über die Bewegungen der Blätter und Bäume. Damit kann man auch ganz gut arbeiten. Entweder mit einem Beamer und Überblendungen, oder mit mehreren Monitoren. Müssen wir schauen, was technisch machbar ist. 

 Ein kleines Kuriositäten Kabinett hat sich angesammelt: ein Stöckchen, ein Steinchen, bisschen Rinde, und Ennio hat mir eine schöne zerkratzte Armlehne geschenkt. Das hat nicht unbedingt mit der Installation zu tun, sind aber kleine authentische Stückchen, die Kontext schaffen. 

 Ein weiterer Bereich muss die Fragen drum herum thematisieren, wie Hoch und Niedrigwasser.  Im Moment haben wir noch Hochwasser. zum Teil schauen nur die Baumkronen aus dem Wasser.  Das soll jetzt fallen, noch ca. 10 Meter bis etwa Oktober/ November. Dann setzt die Regenzeit wieder ein. Die Amplitude soll bis zu 14 m betragen. 

Im Moment ist Trockenzeit und so musste ich von Sonntag bis Mittwoch Abend warten, bis es mal etwas geregnet hat im Regenwald. Aber es soll für die Trockenzeit relativ viel regnen. Dies hat natürlich einen großen Einfluss wie ich die Installation im Wald gestalte.

.Es ist hier auch gar nicht so einfach in den Wald zu kommen. Da alles so schnell wächst bildet der Waldrand eine Art Phalanx in die man schwer eindringen kann. Findet man eine Lücke, bedeutet das nicht, dass man tief eindringen kann. Überall da, wo ein Sonnenstrahl, wenn auch nur für Minuten am Tag durch die dichten Baumkronen auf den Boden trifft, sprießt eine neue Pflanze. Genau in diesem Gestrüpp gilt es, selbst wenn man davon ausgeht, dass die Tiere mehr Angst vor der Bestie Mensch haben als umgekehrt, gilt es besonders die zufälligen, unbedachten Begegnungen mit Giftschlangen oder Vogelspinnen zu vermeiden. In den fünf Tagen, in denen ich jetzt hier bin, war ich immerhin schon 3 Mal über mehrere Stunden im Wald.  Vogelspinnen bin ich schon mehreren begegnet , auch hier in der Pousada und obwohl die Reiseführer behaupten Touristen würden keine Schlangen sehen, hat sich schon eine der angeblich giftigsten, Sukoluku nennen sie die Einheimischen, vor mir über den Weg gelschlängelt.

Morgen fahre ich mit einem kleinen Amazonas Dampfer, mit einem Einzylinder Motor den ganzen Tag mit Kapitän und Thorsten den Fluß hoch. Torsten ist Krankenpfleger hier, aber aus politischen Gründen im Moment arbeitslos. 

Ein weitere Bereich könnten die Bezüge der Menschen zum Amazonas sein. Das wäre denn aber eher Text basiert. 

Und aus diesem Ganzen muss ich dann eine Form für eine mögliche Installation hier im Wald herausschälen. 

16.August

Eats espaco gourmet

-der Speisesaal im Step Inn Hotel in Manaus

Zwei große Bildschirme, auf dem einen läuft Fußball, auf dem anderen eine Kochsendung, gelegentlich unterbrochen von Werbung. Das Mobiliar: moderner internationaler Stil, eckige Tischchen aus Ahornholz mit weißen Glaspatten, von denen sporadisch das benutzte Geschirr abgeräumt wird und bunte Holzstühle aus geformtem Sperrholz.

Espaco Gourmet, die Männer tragen in der überwiegenden Zahl Schuhe oder Sportschuhe, nicht wie draußen Zehhänger. Es ist  der Frühstücksraum eines neuen internationalen Hotels, vielleicht 2-3 Jahre alt und das Personal sind alles junge Menschen. Dafür bezahlt man mehr als das Doppelte für die Übernachtung als ortsüblich.

 Vor mir steht nicht das schlechteste Frühstücksbuffet, das ich hier in Brasilien bekommen habe, aber das zweit schlechteste. Allerdings prangte  sonst nirgendwo ein Schild “Gourmet”. Der Kaffee schmeckt ganz gut und es gibt Cornflakes mit Milch, die auch ganz gut schmeckt. Ansonsten werden den Gästen mitten im früchtereichen Urwald halbreife Wassermelonen und halbreife Bananen sowie Orangensaft in Valensina Qualität angeboten. Das Rührei ist nur halb durch und Pressschinken, Käse und Toast sind wie in anderen Hotels auch, ebenso die Kuchen. In den anderen Hotels gab es diese Früchte auch immer, aber reif und schmackhaft und darüber hinaus noch Ananas und Papaya und meistens noch Honigmelonen. Es standen immer zwei oder drei frisch gepresste Fruchtsäfte, geratene und gekochte Bananen und weisse dünne Manjokfladen da. Alles das, was ein brasilianisches Frühstück einzigartig macht fehlt hier.

Es ist eben einer dieser international gestylten Hotel Klone. Der Unterschied entsteht dadurch, dass der Spülkasten des Klos 10 cm Luft zur Wand hat und  so der Platz vor der Duche so eng wird, dass man sich kaum abtrocknen kann, dass Edelstahlhalter von der Wand fallen, das Wasser warm und kalt pumpt, so dass man sich schließlichentscheidet kalt zu duschen. Es gibt also Parallelen zu Chinas “Cha bu duo”(passt doch fast), allerdings hätte man in China nicht designte Badeamaturen,  spürbar Billigware aus China”, sondern origianle von Hans Grohe. Es gäbe einen Wasserkocher so wie Duschhauben, Shampoo, Körperlotion, und Hauslatschen. Die Handtücher würden täglich gewechselt und nicht nur alle 5 Tage.

Ich muss an den Film von Martin Scorsese Casino denken, man möchte mitspielen, dabei sein in der schicken Welt und “ es ist alles vorbereitet Dein Geld direkt in die Taschen des Investors fleißen zu lassen.”


18. August

M. hat die ersten Berichte gelesen und meinte:” Was mich ein wenig stutzig macht, ist, dass Du über Hotels und das Problem beim Hinflug etc. schreibst, aber nichts über Dein Projekt, über Deine Begegnung mit dem Regenwald...“

Wenn ich unterwegs bin, dann bin ich hoch konzentriert und auf Aufnahme geschaltet. Gelände und Menschen beobachten, den Dingen versuchen  auf die Spur zu kommen und Stoff sammeln, ist die selbstgesteckte Aufgabe. Noch ist da nichts fertig, nicht einmal eine Skizze. Es sind ein paar Striche auf dem Papier. Einzelne Striche teilen sich aber dem anderen nicht mit. Erst wenn Zusammenhänge hergestellt werden, ergeben sich Bilder.

Diese Zusammenhänge herstellen ist die Arbeit, die in Deutschland in der Vorbereitung auf die Ausstellung in Mosbach passieren kann und muss. Ich hab mich früher immer geärgert über Journalisten, -es gingen eine Zeitlang, von Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger einige in unserer Wohnung in Westberlin ein und aus,- die am Abend schon wussten, was sie am nächsten Tag im Osten erleben werden und vor der Recherche ihren Artikel schon fertig im Kopf hatten.

Ich versuche deswegen möglichst unvoreingenommen an einen Ort zu fahren. Diese Berichte von Hotels etc. sind kleine Momentaufnahmen, die auch etwas mit meiner Arbeit zu tun haben. -Werde ich später nochmal drauf zurückkommen.- Sie sind ein Abgeschlossenes, wenn man so will Tagesgeschäft, was eine Ebene der Arbeit, das Reisen mit Verknüpfungen beschreibt.

Bei einem Ort wie dem Regenwald des Amazonas ist es schwer ohne Vorurteile hin zu kommen. Amazonas war Thema im Erdkundeunterricht. Ich kenne Bildern nicht zuletzt aus Werner Herzogs Fitzgeraldo einem deutscher Filmemacher. Sechs deutsche Männer und eine deutsche Frau sowie ein Schweizer leben in einem kleinen Ort im Regenwald 200 Autokilometer von der nächst größeren Stadt. Es gibt noch einen Italiener, der dort lebt. Ich habe keine Franzosen, Engländer, US Amerikaner oder Niederländer getroffen. In der Pousada sind nur 3 Gäste für mehr als zwei Nächte gebucht, alles Deutsche, darunter ich, als in Deutschland sozialisierter Künstler. Ist es Deutsche Romantik, „der Deutsche und sein Wald,“ wie die Franzosen immer spötteln?

Die Frage ob mich Romantik treibt, tauchte in den vorbereitenden Korrespondenz besonders mit Prof. Ennio Candotti auf. Da ich sicherlich eine romantische Ader habe, mich aber nicht als Romantiker sehe, habe ich diese Verbindung negiert, abgelegt und vergessen.

Die erste Nacht in der Pousada sitze ich auf der Terrasse meines Zimmers, geschützt durch ein Moskitonetz und schaue in die Baumwipfel mit einem im  Hintergrund über Lautsprecher verstärkten hysterischen Prediger. Ich ärgere mich, denn ich will die Geräusche des Waldes und nicht diese Evangelikalen, die sich in Brasilien ausgebreitet haben wie eine Pest. Drei Tage später werde ich mich ärgern, dass ich dies nicht aufgenommen habe, denn das ist die Realität der Menschen hier. Wenn ich am nächsten morgen geschrieben hätte, wäre der Bericht anders ausgefallen. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ist die Sehnsucht nach dem Anderen im Wald nur eine deutsche. Sie konnte nicht in den ersten Stunden auftauchen aber durch das Erleben über Tage erneut und auf der Basis von Empirie bewusst werden.